ALG II – (m)eine vierköpfige Familie

Vor einigen Tagen sah ich in meiner Twitter-Timeline einen Tweet vom BILDblog:

Wir sind eine dieser vierköpfigen Familien und beziehen Sozialleistungen, besser bekannt als „Hartz IV“. 2.500 Euro? Nein, die beziehen wir bei weitem nicht. Egal wie wir es rechnen. Nach Rücksprache mit meiner Partnerin möchte ich hier nun unsere Bezüge veröffentlichen und meinen Lesern einen kleinen Einblick in unsere finanziellen Verhältnisse gewähren.

Aufgrund meiner Behinderung schaffe ich es seit inzwischen 10 Jahren (November 2008) nicht zu arbeiten. Bereits die damals angefangene Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Automobilzulieferer machte mir zu schaffen. Damals bewarb ich mich eher auf Geheiß anderer Menschen (Eltern, Berufsberatern etc.) und bekam den Ausbildungsplatz. Spätestens mit dem Beginn der Ausbildung (ich absolvierte zuvor ein fünfmonatiges Praktikum im Supply Chain Management des Unternehmens) wurde mir erstmals so richtig bewusst, dass ich anders bin und es eben nicht schaffe, mich den Gegebenheiten anzupassen, wie man mir damals versucht hat einzureden. Die erste Partnerin und der erste Job – was für viele perfekt scheint, war für mich der Beginn einer Suche nach mir selbst. Die Ausbildung verlor ich kurz vor Ende der Probezeit und im Nachhinein war das verständlich und auch aus meiner Perspektive besser so. Das Unternehmen ging 2009 in die Insolvenz und wurde abgewickelt. Ich ging 2011 aufgrund von Suizidgedanken für ein Wochenende in eine Klinik (eine Hilfe war das nicht) und lebe immer noch. So tief möchte ich nie wieder sinken. Das Leben ist zu kurz (im Endeffekt auch zu schön), um es wegen einer vermeintlichen Sonderrolle in der Normalität der Anderen zu beenden. Die Diagnose Autismus hilft mir dabei. Dass ich es momentan und bereits seit 10 Jahren nicht schaffe einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen heißt nicht, dass ich das nicht will. Ich bin überzeugt, irgendwann, irgendwie mein eigenes Geld zu verdienen. Momentan muss ich mal wieder an einer Maßnahme teilnehmen. Das gelingt nur, da es keine klassische Maßnahme ist (auch an solchen nahm ich in der Vergangenheit schon teil). Es geht dabei um Gespräche. Einzelgespräche. Dabei soll die Person mit der ich mich treffe unterstützend wirken – nicht nur im arbeitsintegrativem Bereich. Im Prinzip ist das überflüssig (was aber nichts mit der Person zu tun hat, mit der ich mich treffen muss). Wenn ich bereit bin einer Arbeit nachzugehen, bin ich der Erste der sich aktiv eine Anstellung sucht. Dafür braucht es keine, von einem Sachbearbeiter im Jobcenter vorgeschlagene, sinnlose Maßnahme. Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.

Meine Partnerin befindet sich mit kurzer Unterbrechung seit 2012 in Elternzeit. Sie würde gerne arbeiten, hat Abitur, aber keine abgeschlossene Ausbildung und auch kein Studium. All das wäre kein großes Problem, wäre da nicht meine Behinderung. Der Alltag fordert mich permanent heraus, selbst wenn ich allein bin. Mit zwei Kindern macht es das Ganze nicht leichter, wie ich bereits in einigen anderen meiner Blogbeiträge schrieb. Ich bin auf ihre Unterstützung in erheblichem Maße angewiesen. Auch das hält sie vom Arbeiten ab. Arbeit mit ausreichendem Einkommen ist blanke Utopie für uns. Wir wünschten, es wäre anders. Fakt ist: Wir beziehen ALG II

Bescheid Symbolfoto

Meine Partnerin und ich bekommen im Monat je 541,50 Euro. Zusammen macht das 1.083 Euro. Dazu kommen 213,50 Euro für den Kleinen und 64,50 Euro für den Großen. Insgesamt macht das 1.361 Euro. Wie setzt sich diese Summe zusammen?

Der Regelbedarf beträgt bei mir und meiner Partnerin jeweils 374 Euro. Dazu kommen 167,50 Euro für die Unterkunftskosten (670 Euro Miete/4 Personen). Bei unserem gemeinsamen Sohn (26 Monate) beträgt der Regelbedarf 240 Euro. Dazu kommen die Unterkunftskosten (167,50 Euro). Das macht 407,50 Euro. Das Kindergeld in Höhe von 194 Euro wird als Einkommen angerechnet und dementsprechend von den 407,50 Euro abgezogen.

Der Sechsjährige stammt aus vorheriger Ehe der Partnerin. Sein Vater kann aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. Der Regelbedarf des Großen beträgt 296 Euro. Dazu die Unterkunftskosten in Höhe von 167,50 Euro. Macht 463,50 Euro. 194 Euro Kindergeld sowie 205 Euro Unterhaltsvorschuss werden als Einkommen angerechnet. Nach Abzug des „Einkommens“ bleiben 64,50 Euro.

Für die Mietkaution mussten wir ein Darlehen in Höhe von 1.440 Euro (drei Monatskaltmieten à 480 Euro) beim Amt aufnehmen, welches eine Kürzung von je 10 Prozent der „ALG II“-Leistungen bei meiner Partnerin und mir zur Folge hat. Macht zusammen 74,80 Euro. Bleiben 1.286,20 Euro. Die Krankenkassenbeiträge werden zusätzlich und direkt vom Amt an die jeweilige Krankenkasse überwiesen. Neben der Miete müssen wir von den 1.286,20 Euro auch die Stromkosten bezahlen. Bei einer potentiellen Nachzahlung bliebe wieder die Option eines Darlehens beim Amt mit entsprechender Kürzung der Bezüge in den Folgemonaten.

ALG II dient der Absicherung des Lebensunterhalts. Wir reden also nicht von Urlauben oder Luxusgegenständen. Es geht um den täglichen Einkauf von Lebensmitteln, den Gang zum Friseur, die Kleidung. Es geht um Spielzeug, Schulmaterialien und Teilhabe am kulturellen Leben (z.B. mal ins Kino gehen). Um ehrlich zu sein: Dafür ist das Geld eigentlich zu knapp. Den Kinobesuch leistet man sich nur, wenn keine Sonderposten (Kopiergeld, neue Schulbücher, Medikamente usw.) anfallen und man auf den Besuch beim Friseur oder das neue T-Shirt vom Textildiscounter verzichtet. Dann kann man mal ins Kino gehen, sofern man es möchte. Das Geld reicht, bei gutem Haushalten, gerade so zum „über die Runden kommen“. Am Ende des Monats bleibt oft nichts über. Wer Familie hat, leiht sich vielleicht sogar ein paar Euro und zahlt diese dann im Folgemonat/in den Folgemonaten zurück. „Hartz IV“ ist einer der schnellsten Wege in die Schuldenfalle.

Wichtiger als all das ist natürlich eh die Gesundheit der Familie. Uns geht es gut. Dieses Glück kann man für kein Geld der Welt kaufen. Trotzdem sind da schlaflose Nächte (bei meiner Partnerin, ich schlafe auch neben dem Staubsauger tief und fest) und Geldsorgen. Wir haben uns deshalb vor geraumer Zeit dazu entschlossen, eine Amazon-Wunschliste zu erstellen. Dort kann uns jeder der will und etwas Geld über hat eine Freude machen. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert. Ihr kauft dort einfach direkt auf der Wunschliste ein (Größen, Farben etc. sind bereits passend eingestellt) und wir bekommen die Ware dann zugesandt. Falls uns jemand in größerem Umfang unterstützen möchte: Einfach eine Mail an diagnosenormal@web.de schicken und wir klären das hinter den Kulissen. Unser Dank ist euch in jedem Fall gewiss.

2 Kommentare zu „ALG II – (m)eine vierköpfige Familie

  1. Wobei die Summe der staatlichen Leistungen schon in etwa einem Bruttolohn von 2.500€ entspricht. Wenn Du da Krankenkasse, Steuern etc. abziehst, bleibt da auch nicht mehr übrig als bei Euch.

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