Prinzipientreue – Wehret den Anfängen

Es war einmal eine junge Frau aus Indien. Sie war zu Besuch in Deutschland, um Sprache und Kultur kennenzulernen. In einem kleinen Freizeitpark, am Rande einer Mittelstadt, fand sie Arbeit und Unterkunft. Wie es in deutschen Mittelstädten so üblich ist, war der öffentliche Nahverkehr eine Katastrophe. Nach Feierabend fuhr kein Bus mehr in die Innenstadt. Die junge Frau aus Neu-Delhi, eine der bevölkerungsreichsten Regionen der Erde, „genoss“ also die Ruhe in der Provinz und ging nach Feierabend durch nahgelegene Siedlungen am Rande eines kleinen Gebirges und fotografierte die Natur.

Währenddessen im Internet: Ein Beitrag wird auf Facebook gepostet. Eine junge osteuropäische Frau fotografiere die Häuser in einem Stadtbezirk am Rande einer Mittelstadt. Sie gehöre zu einer Einbrecherbande, die Häuser ausspioniere, in die ein Jahr später eingebrochen werden soll. Wachsam sollten die Bürger sein. Der Beitrag verbreitete sich rasant und wurde mehrere hundert Mal geteilt. Unter anderem vom Ortsvorsteher des kleinen Stadtteils. Er verwaltet eine Seite, auf welcher aktuelle Nachrichten rund um diesen Stadtteil veröffentlicht werden.

Der Mob möchte sofort „die Hunde loslassen“ und „Knüppel rausholen“. Dem Admin der Stadtteilseite ist das zu extrem. Er hat eine bessere Idee. Man solle die Person fotografieren. Er veröffentliche entsprechende Bilder. Auf den Hinweis eines Users, dass dieses Vorgehen rechtlich eher fragwürdig ist, reagiert er völlig abgestumpft und ohne Unrechtsbewusstsein mit einem „Das ist mir egal.“.

Die Inderin ahnt nicht, dass längst Bilder kursieren. Sie spaziert durch den Wald und erlebt etwas, worüber sie im Nachhinein froh ist, dass es in Deutschland und nicht in Indien passierte. Ein wildfremder Mensch spricht sie an und fordert sie auf die Fotos zu löschen. Fotos, die sie in einem kleinen, deutschen Gebirge machte. Naturfotos. Eingeschüchtert kommt sie der Aufforderung nach, klärt den Mann aber auch auf. Er entschuldigt sich am Folgetag mit selbst gekochter Marmelade und Fotos einer lokalen Sehenswürdigkeit.

Shreya: Confused I decided to go to forest, because that was one place where nobody would actually notice me, but I was wrong when I clicked the pictures of the trees, a man appeared behind me and asked me rudely to delete the pictures ! I did !

Eine knappe Woche vor ihrer Abreise, wollte die junge Frau aus Angst nicht mehr vor die Tür gehen.

Diese Geschichte ist tatsächlich passiert. Mitten in Deutschland, im Mindener Ortsteil Haddenhausen. Die junge Inderin heißt Shreya. Der Arbeitgeber bemerkte das „Missverständnis“ und meldete es bei der Polizei. Die Polizei gab Entwarnung. Auch diesmal gab es einen Facebook-Beitrag des Ortsvorstehers, dieser fand aber bei weitem nicht das Echo der vorausgegangenen Warnung. Er wurde laut Lokalzeitung keine zehn Mal geteilt. Man warne lieber einmal zuviel, gab der Ortsvorsteher zu verstehen. Dem schloss sich auch die Polizei an. Die Spekulationen gingen prompt weiter, die nächste durchs Dorf getriebene Sau war halt etwas ungepflegter.

Was hat diese Geschichte jetzt mit meiner Behinderung zu tun?

Als ich den Bericht über die Vorfälle in der Zeitung las, war ich entsetzt. Ich konnte nicht fassen, dass so etwas bei uns möglich ist. Okay, die letzten Jahre waren lehrreich und vielleicht wollte ich es auch einfach nicht wahrhaben. Anders aussehende Menschen werden zum Freiwild. Hier, in meiner Heimatstadt. Ohne lange nachzudenken, der aufmerksame Leser meines Blogs weiß wie ungewöhnlich das für mich ist, suchte ich Shreya bei Facebook. Und tatsächlich: Anhand eines Bildes aus dem hiesigen Freizeitpark konnte ich mir sicher sein, die richtige Person gefunden zu haben. Ich schrieb ihr, wie entsetzt, wütend und traurig mich das macht, was ihr passiert ist. Für mich ist das purer Rassismus. Ich wünschte ihr, dass sie sich nicht verkriecht und Minden noch genießen kann. Damit sie die Nachricht auch wirklich sah, fügte ich eine Freundschaftsanfrage bei. Kurze Zeit später bekam ich Antwort von Shreya. Auf deutsch, versteht sich. Sie nahm die Anfrage an, bedankte sich für die Nachricht und war froh, dass mit dem Zeitungsartikel Aufklärung betrieben wurde und endlich Ruhe herrschte. Um ehrlich zu sein: Ich war erneut schockiert. Shreya hatte keinen Fehler gemacht und war nun froh, dass Ruhe herrschte? Mir lies das Thema keine Ruhe. Ich bin in Freiheit aufgewachsen und möchte, dass das so bleibt!

Wer seine Freiheit für andere Kulturen opfert, gibt seine Kultur auf.

Es entwickelte sich ein Dialog und Shreya teilte mir mit, dass sie mich und meine Partnerin gerne noch treffen würde, bevor sie abreist. Leider hatte sie erst am Abend nach der Arbeit Zeit und weder hatte sie die Möglichkeit zu uns zu kommen, noch hatten wir die Möglichkeit zu ihr zu kommen. Der ÖPNV ist, wie gesagt, eine Katastrophe. Fahrrad fahren kann Shreya nicht. Wir haben keinen Führerschein und sowieso ist es mit den Kindern (zu dem Zeitpunkt 6 Jahre und 22 Monate) nicht so leicht zu koordninieren. An der Stelle kommt dann auch der Autismus wieder ins Spiel. Es war warm bis heiß und definitiv nicht mein Wetter. Ich schwitze bei Temperaturen um die 30 Grad stark und fühle mich dann sehr unwohl. Unter den Umständen war ein Treffen eher unwahrscheinlich.

Grundsätzlich fallen mir solche Treffen eh schwer. Eine (relativ) ungewohnte Umgebung, Menschen, Abweichung von Routinen – aber es gibt Dinge, die sind wichtiger als all das. Shreya war mir wichtiger. Ihr ist in meiner Heimatstadt Rassismus begegnet. Rassismus ist keine Meinung, die man unkommentiert lassen darf. Wir alle sind gefordert Widerstand zu leisten. Immer und immer wieder. Das ist ein Prinzip. Diesem Prinzip bin ich treu. Ich gewichte es höher als all die behinderungsbedingten Probleme und Routinen. Und so dachte ich darüber nach, wie ich ein Treffen möglich machen kann. Leider kam mir keine Idee. Ich postete in den sozialen Medien, dass ich Shreya geschrieben habe und sie gerne getroffen hätte, wenn es mir logistisch möglich gewesen wäre. Ein paar Tage später bekam ich dann eine private Nachricht. Mir wurde eine Mitfahrgelegenheit angeboten.

Wie auch immer – ich kann dir anbieten, dich / euch zu fahren.
Ob allein oder mit Kind(ern), genug Platz im Auto und Möglichkeit für Kindersitz/e ist vorhanden. Und wenn ich meinen eigenen dreieinhalbjährigen Sohn mitbringe, wäre auch etwas Ablenkung und Begleitung dabei. Je nachdem, wie es für dich passender wäre.

Wir kennen uns gar nicht persönlich, aber ich bin einfach von deinem Engagement beeindruckt.

Ich folge dir schon lange auf Facebook, seitdem du das eine oder andere zu Mindens Geschehnissen öffentlich gepostet hast, zu Veranstaltungen oder zur Flüchtlingspolitik etc., deine Postings gerieten einfach irgendwann in meine Filterblase. Autismus war da gar kein Thema in den Beiträgen zu der Zeit.
Aber seit deinem Blog folge ich dir quasi auf allen Kanälen.

Lange Rede, kurzer Sinn: wenn es wirklich nur LOGISTISCHE Hindernisse sind, die dich an einem Treffen mit Shreya hindern, kann ich vielleicht helfen.
Autofahrt statt Busfahrt, jemand, der gemeinsam ein Auge auf die Kinder hat, und der im Hinterkopf das Wissen um deine Gedanken und damit Verständnis für einen plötzlichen und akuten Wunsch zum Abbruch der ganzen Aktion hätte.

Melde dich einfach, wenn du dir das vorstellen kannst. Unverbindlich und kurzfristig, ohne Erwartungshaltung.

Über diese Nachricht habe ich mich unfassbar gefreut. Aus den Worten sprach unglaublich viel Verständnis für meine Situation und die Person hat sich wirklich mit mir auseinandergesetzt. Sogleich schlug ich das Angebot aus (kam ja auch viiieeel zu spontan). Es blieb quasi nur ein Tag. Montag. Da war aber ein vom Mindener Tageblatt organisiertes Treffen für Shreya. Viele Menschen. Nicht meine Umgebung. Dazu die Temperaturen…

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Gruppenfoto mit Shreya – Copyright: Jan Henning Rogge (MT)

Am nächsten Tag fragte ich die Person, ob sie zu dem Treffen fährt. Sie hatte es zwar nicht vor, konnte es aber einrichten und so konnte ich den tief in mir gehegten Wunsch Shreya zu treffen doch noch wahr werden lassen. Dafür nochmal vielen Dank an meine Chauffeurin! 🙂

Am frühen Abend stand ihr Wagen pünktlich vor der Tür. Wir fuhren in die Altstadt und gesellten uns zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die einer jungen Frau aus Indien eine kleine Freude machen wollten. Einige hatten Geschenke dabei. Shreya kam gemeinsam mit der Online-Redakteurin die sie abholte aus dem Redaktionsgebäude. Während sich, insbesondere die älteren Semester, sofort auf Shreya stürzten, um ihr „Hallo!“ zu sagen, blieb ich erstmal im Hintergrund und wartete ab. Ein wenig verloren, aber damit konnte ich rechnen. Ich schrieb es Shreya auch vorher. Irgendwann gab auch ich ihr die Hand (ja, manchmal geht das ohne große Probleme). Sagen konnte ich nicht viel, ich wusste schlicht nicht was. Wir stellten uns dann zeitnah für ein Foto auf, denn das war der eigentliche Anlass des Treffens. Glücklicherweise bin ich mit 1,87 Metern relativ groß und stehe auf Fotos eher im Hintergrund. Nachdem die Fotos gemacht waren, unterhielt man sich nach und nach mit Shreya und wer wollte konnte noch Videogrüße für Shreya aufnehmen lassen. Shreya selbst machte mit allen Anwesenden Selfies. Für sie war das ein großer Tag, wie sie mir am Vormittag noch schrieb. Für das gemeinsame Foto kam sie auf mich zu. Das war eine große Erleichterung. Nach ca. 30-45 Minuten verabschiedeten wir uns von Shreya.

Shreya: Es was ganz ganz schon dass du heute gekommen bist
Ich bedanke dir ganz ganz herzlich
Danke schon

Du hast zeit genommen um Mich Zu treffen das ist aber echt schon

Shreya und Tim
Shreya und ich

Am Mittwoch nach dem Treffen flog sie zurück nach Neu-Delhi. Wir stehen via Facebook weiter in Kontakt. Für mich war die Teilnahme am Treffen eine tolle Erfahrung. In erster Linie wegen Shreya, die ein absolut weltoffener Mensch zu sein scheint. Aber auch die Gespräche mit Jaqueline, Guido und dem Chefredakteur vom MT, Benjamin Piel, waren ein wichtiges Erlebnis und mit letzterem werde ich im Herbst aller Voraussicht nach noch ein Treffen zwecks Interview haben. Darauf freue ich mich bereits, wenngleich ich mir langsam mal Gedanken über das Thema machen sollte.

Abschließend möchte ich Shreya zitieren. Sie sagte uns beim Treffen in der Altstadt diesen großartigen Satz:

Die Welt ist eine Familie!

Hier findet ihr die Artikel zum Thema:

Wie eine Studentin aus Indien zur Verdächtigen wurde

Abschiedsfoto + Gedicht von Shreya

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