Stille Nacht

Es ist Samstagabend, 23 Uhr. Ich sitze seit einer knappen halben Stunde vorm Laptop und versuche nach Wochen mal wieder einen eigenen Beitrag zum Thema Autismus zu verfassen. Das große Kind schläft, der Kleine liegt im Bett und kuschelt (turnt) mit (auf) Mama. Ich sitze im dunklen Wohnzimmer. Nur noch der Laptop erhellt den Raum. Worüber könnte ich schreiben? Ein paar Themen fallen mir ein, aber es kommt nichts bzw. zu wenig aus meinem Kopf. Okay, dann schreibe ich jetzt über den Ist-Zustand.

Nein, „Stille Nacht“ hat in diesem Fall nichts mit der Geburt von Jesus Christus zu tun. Vielmehr beschreibt es zwei Dinge. Zum Einen die ruhige Umgebung, in der mich beim Schreiben dieser Zeilen befinde. Zum Anderen aber auch die „Stille“ auf dem angelegten Arbeitsblatt. Im Prinzip ist seit Wochen Stille in meinem Kopf. Mir fällt kaum mehr als das Thema für einen möglichen weiteren Blogbeitrag ein. Das erklärt die weitestgehende Stille im Blog. Ich möchte möglichst schnell ein gewisses Maß an Beiträgen produzieren, aber nicht um jeden Preis. Die Qualität (da steckt das Wörtchen „Qual“ drin) darf nicht auf der Strecke bleiben. Insofern halte ich mich lieber Wochen oder gar Monate zurück. Andererseits spüre ich die tiefe Motivation meine Erfahrungen mit der Welt zu teilen. Die Stille in meinem Kopf ist vielleicht aber auch einem gewissen Chaos geschuldet. Denn natürlich ist es alles andere als still. Unzählige Reize traktieren mein Denkorgan fast ohne Unterbrechung.

Da ist einerseits mein alltäglicher Kampf gegen die Anstrengungen des Alltags. Aufstehen, Zähne putzen, duschen, trinken…irgendwas ist ja immer. Dann fordert mich meine Familie Tag für Tag. Meine Routinen sind in ein enges Korsett gepresst. Die Kinder kann man nicht einplanen, die sind da und machen das, wonach ihnen der Kopf gewachsen ist. Das ist auch gut so. Für mich heißt das kompensieren. Zweifelsohne macht das Spielen mit den Jungs auch mir Spaß. Im Anschluss bin ich dann aber erschöpft und benötige einen Ausgleich. Den finde ich im Moment besonders oft an meinem Dartboard.

Dartboard
Abschalten beim Darts.

Ansonsten zocke ich Sportspiele auf der Playstation 4, bespiele die Switch, die ein großzügiger Spender zur Einschulung unsere Großen von unserer Amazon-Wunschliste kaufte, oder ich schaue dem BVB, GWD Minden, den Detroit Lions, der Formel 1 und den Dartprofis bei der Ausübung ihres Sports zu. Was für die meisten Menschen nach Luxus aussieht, ist für mich elementar. Ohne Ausgleich hätte ich regelmäßige Overloads und das wäre für das Familienleben eine kaum stemmbare Belastung. Zweisamkeit ist momentan ein frommer Wunsch. Sobald wir beide das Kinderzimmer verlassen und uns im Wohnzimmer treffen, kommt das kleine Kraftbündel von Zweijährigem und a) drängt sich zwischen uns, b) mopst (so nennen wir das Stillen) oder c) schiebt/zieht Mama oder Papa in Richtung Kinderzimmer. Wenn a) und b) zusammentreffen, kann Papa sich auch mal ein paar Tritte gefallen lassen (heißt „geh weg, meine Mama“ und ist ja irgendwie auch gerecht, nachdem Mama solche Tritte monatelang in ihrem Bauch ertragen musste). Klingt schlimmer als es ist und ich für meinen Teil gehe da auch ganz locker mit um. Die fehlende Zweisamkeit fördert eine Beziehung natürlich nicht. Glücklicherweise sind wir uns all dem bewusst und nehmen die aktuelle Situation mit Humor. Das Kind wird älter und irgendwann ist das Bett von Mama und Papa ein Ort des Ekels. Dann können wir uns dahin zurückziehen und die Ruhe genießen. Vermutlich plagen uns bis dahin körperliche Gebrechen.

Overloads, also die totale Überforderung, gilt es zu vermeiden. Das gelingt seit Beginn unserer Beziehung 2011 mit jedem Tag besser. Autisten wissen was das heißt. Ohne meine Partnerin würden meine Eltern und ich uns heute womöglich die Köpfe einschlagen, ich hätte den Arsch voll Schulden und keine Diagnose. Ich bin dieser Frau unglaublich dankbar.

Absatz. Dieses Kompliment soll für sich stehen. Kaum jemand kann sich vorstellen, welch eine Kompromissbereitschaft meine Behinderung von ihr verlangt. Sie schmeißt den Laden hier fast alleine. Einen Ausgleich hat sie nicht. Sie ist zugleich meine Partnerin, Pflegekraft und Betreuerin. Eigentlich zuviel für einen Menschen, aber ich könnte niemanden so nah an mich heranlassen wie sie. Genau das wird uns noch Schwierigkeiten bereiten. Schaffe ich es, mich adäquat um die Kinder (und mich selbst) zu kümmern, sodass sie arbeiten gehen kann? Ansonsten kriegen wir Probleme mit dem Amt. Zumal sowieso die Frage nach dem Verdienst gestellt werden muss. Kann ein unseren Lebensumständen angemessener Job zu einer Bezahlung führen, von der wir als Familie gut leben können? Vermutlich nicht. Hier kommt die Frage auf, ob sich Arbeit überhaupt lohnt. Das kann es doch nicht sein?! Ich nehme es wie es kommt und versuche mir wenig Gedanken darüber zu machen. Im Hier und Jetzt gibt es genug für mich zu tun. Die Belastung verschiebt sich ins Hinterstübchen meines Kopfes. Mich plagt grad eine andere Sorge. Kriege ich heute Nacht noch genug Schlaf?

Es ist 0:50 Uhr und ich habe zwischendurch auf meinem Smartphone getwittert. Knapp zwei Stunden sind seit dem Beginn dieses Textes vergangen. Am Ende sind es 822 Wörter.

2 Kommentare zu „Stille Nacht

  1. Ach Tim, dieser Blog-Beitrag ist mir untergegangen, den habe ich jetzt erst gelesen… und bleibe in Gedanken hängen…
    dir ist vermutlich nicht klar, wie häufig genau solche Szenen sich bei „normalen“ Paaren abspielen und wie sehr sie an den Nerven zerren…wie sehr ich all das nachvollziehen kann und mir fast gar nicht vorstellen kann, wie du KEINEN Overload kriegst, während ich selbst täglich an meine Grenzen stoße und mich in Momenten, in denen ich als Mutter überfordert bin und laut werde und grob und unfair und hektisch und einfach nur falsch gegenüber meinem Partner und meinen Kindern… ich möchte mit dem Begriff nicht spielen, aber so, wie du hier gefasst und gedanklich sortiert vom schwierigen Familienleben erzählst, habe ich fast Zweifel, ob ICH diejenigen Overloads habe, die du zu vermeiden schaffst… es war nur ein zuckender Gedanke, der mir beim Lesen kam, natürlich wäre es anmaßend und falsch interpretiert und falsch wertgeschätzt diesen Begriff dermaßen auszureizen, das soll hier nicht so stehen bleiben, dennoch — zeigt es dir vielleicht, dass auch in anderen Köpfen viel los ist und dein Text hier ganz schön offenbart, was dich (nicht als Autist, sondern generell) auszeichnet:

    Während du nämlich so unfassbar gut reflektieren kannst, deine Wahrnehmung in klare, präzise Worte packst und dich erklären versuchst, beschreibst du vieles von dem, an dem die vermeintlich normalen Menschen ebenso verzweifeln, sich sorgen, nach Lösungen suchen — aber ggf. längst nicht so genau wissen, wie sich die Gesamtsituation einordnen sollen, wo Verantwortung beginnt aber eben auch eigene Ressourcen begrenzt sind, wo sich ein Partner innerlich aufgibt und ein anderer augenscheinlich egoistisch handelt…und wo stattdessen nebulöse Wortgefechte zwischen den Partnern stattfinden, Ausflüchte und Vorwürfe untereinander getauscht werden, statt nächtliche Liebeserklärungen in einem Blog… 🙂

    Familenleben mit Kleinkindern strapaziert eine Partnerschaft aufs Äußerste und in deinem Text hier finde ich so viel Normalität, dass ich mir wünschte, ein jeder könnte sein Innenleben und seine Außenfassade so deutlich reflektieren und kommunizieren und damit für mehr Verständnis und Annehmen solcher Situationen unter allen Menschen sorgen.. weniger Schein als Sein, mehr Unterstützung und zustimmendes Nicken als gegenseitiges Abwerten, mehr durchschnittliches Gleichsein betonen als überhöhten Wettbewerb zu heroisieren… ach, ich schweife ab… ich sehe mir nur diesen Beitrag an, und sehe keinen Autisten, sondern einen jungen Vater, eine junge Mutter, ein Paar, welches unter den Umständen in einem authentischem und normalen Maß leidet, aber sich nicht aufgibt und die Situation als passierbare Phase begreift (doppeldeutlich: als passier-bar, wie ein Passant, der eine Strecke annimmt, die es abzulaufen gibt, und als passiert-eben-so, wie es eben jedes Elternpaar erlebt) und ein Paar, welches nicht in einer Opferrolle verharrt, sondern die Augen weit geöffnet behält, um auch anderen Menschen zu helfen..

    also, es tut mir leid, dein Autorenherz ggf. anzugreifen, aber wenn du diesen Blogartikel mit der Absicht gestartet hast, um mehr über den Autismus zu schreiben, so ist dir das hier wirklich ganz und gar nicht gelungen – und das ist vielleicht etwas Gutes, oder es verletzt dich (das ist gewiss nicht meine Absicht!), ich will es dir nur offenbaren, weil es dir ggf. gar nicht bewusst ist, wie normal du eben AUCH bist. Oder sagen wir so: vielleicht sagt es dir außer deiner Freundin selten jemand und deshalb benenne ich es hier mal deutlich. Und ich meine es mit größtmöglichem Respekt, wertschätzender Freundschaft, so wenig wir uns auch nur live kennen.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für diesen Kommentar. Ich denke, ich kann ihn richtig einordnen und er verletzt mich keineswegs. Ich dachte, ich hätte ihn bereits am Tag als du ihn veröffentlicht hast geliked, war aber scheinbar nicht so. Sorry dementsprechend für die späte Reaktion. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

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