Warum ich lieber autistische Züge nehme

Auf Twitter fragte ich vor einiger Zeit meine Follower, welche Themen sie gerne im Blog lesen möchten. Es kamen einige Vorschläge, die ich nach und nach abarbeiten möchte. Heute soll es dabei um ein Thema gehen, welches mir eigentlich zu kurz für einen Blogbeitrag erschien: Autismus und Führerschein

Während viele Jugendliche ihren 18. Geburtstag und damit die Volljährigkeit kaum erwarten können, um endlich ihren Führerschein zu machen, hat mich der „Lappen“ überhaupt nicht interessiert. Als Kind wollte ich mal Busfahrer werden oder zur Müllabfuhr, aber diese Zeiten waren längst passé. Mein fehlendes Interesse hing sicherlich mit meiner damals noch nicht diagnostizierten Behinderung zusammen. Unterbewusst dürfte mir klar gewesen sein, dass mir ein größeres Fahrzeug als mein Fahrrad Probleme bereiten würde. Letzteres ist überschaubar, da habe ich nahezu die volle Kontrolle. Bei einem Pkw erhöhen sich Bremsweg, Geschwindigkeit und Wenderadius erheblich. Das wird mich abgeschreckt haben.

„Heutzutage braucht man einen Führerschein.“

„Es geht nichts mehr ohne Auto.“

„Ohne Führerschein findest du keinen Job.“

Das sind nur einige Zitate, die ich im Familien- und Bekanntenkreis zu hören bekam. Der Druck war enorm, auch wenn ich ihm lange Zeit standhielt. Irgendwann gibst du all dem Gerede nach und versuchst es. Hätte ich damals schon die Diagnose gehabt, ich hätte das Geld, welches mein Uropa und meine Großeltern extra für uns zurückgelegt hatten, nicht in den Sand gesetzt. Es kam anders.

Ich meldete mich bei einer Fahrschule an. Zunächst wollte ein ehemaliger Klassenkamerad mit mir zusammen zur Fahrschule. Er kam nicht zu unserer Verabredung. In einem starken Moment, ich weiß nicht, ob es an dem Tag war, ging ich also zum ersten Mal zum theoretischen Unterricht. Ich saß dort und fühlte mich unwohl. Daran änderte sich auch nach einer gewissen Regelmäßigkeit nichts. Die Theorie ansich wäre kein Problem gewesen. Das hätte ich mit ein wenig Anstrengung lernen können und vermutlich bestanden. Vieles ist logisch und selbsterklärend.

Letztlich gesellte sich zur Theorie irgendwann die Praxis. Nach kurzer Einweisung befuhr ich plötzlich deutsche Straßen. Stets geprägt von einer Unsicherheit, die mich bei anderen Verkehrsteilnehmern dazu veranlassen würde, über ihre Tauglichkeit zu diskutieren. Das sei normal, die Sicherheit käme schon mit der Erfahrung. Insbesondere an Engstellen wurde mir aber immer bewusster, dass dem nicht so ist. Egal. Einmal angefangen, hörst du so schnell nicht auf. Inzwischen waren die Pflichtstunden so gut wie absolviert, da kam ein weiteres Hindernis auf. Der Erste-Hilfe-Kurs. An einem Wochenende (damals arbeitete ich) mehrere Stunden mit einer mir unbekannten Gruppe verbringen. Ich schob es vor mir her. Hier endete mein erster Anlauf die Fahrerlaubnis zu erlangen abrupt.

Wenn ich von einem ersten Versuch schreibe, gab es logischerweise noch einen zweiten. Nach Monaten ging ich zu einem Erste-Hilfe-Kurs. Mein Vater fuhr mich. Ansonsten wäre ich dort nicht erschienen. Am Ende des anstrengenden Tages hatte ich die Teilnahmebescheinigung. Ich schaffte es nach einigen weiteren Wochen mich wieder bei der Fahrschule zu melden. Ich erklärte meine Situation, damals sprach ich von Depressionen (so nannten es sowohl meine Hausärztin als auch eine Psychologin bei der ich kurzzeitig Patient war). Der Chef der Fahrschule meinte, das sei alles kein Problem, ich müsse nur erneut die 250 Euro Gebühr entrichten. Meine Tante hatte noch ein Konto für mich und gab mir das Geld. Diesmal lief es noch bitterer. Ich zahlte, ging aber nicht mehr hin, da mir nicht nur das schwer fiel, sondern auch noch Unterlagen der Kommune fehlten, zu der ich es nicht schaffte. Mehrere Hürden sind für mich schwer bis gar nicht zu erklimmen.

Ich hatte versagt und viel Geld in den Sand gesetzt. In meinem Umfeld galt ich schlicht als faul. Dass diese Behauptung falsch ist und mich verletzt, dass war den Leuten vermutlich nicht bewusst. Ich hatte damals noch keine Diagnose und war erst Anfang 20. Heute bin ich 30 Jahre alt und offiziell diagnostizierter Autist. Welche Rolle spielt das?

Ich weiß nun, warum ich auf dem linken Vordersitz im Auto überfordert war. Neben den Vorgängen innerhalb der Karosserie, die (nur) teilweise in Fleisch und Blut übergehen, muss permanent auf Verkehr, Verkehrszeichen und Tempo geachtet werden. Für mich sind das zuviele Eindrücke und ich möchte kein Sicherheitsrisiko auf den Straßen sein. Weder für mich, noch für andere Menschen. Dementsprechend verzichte ich auf den „Lappen“ und gehe meine Wege zu Fuß, fahre weitere Strecken, sofern nötig, mit Bus oder, wenn es wirklich weit entfernte Ziele sind, mit dem Zug.

Und hier schließt sich der Kreis zum Titel dieses Beitrags. Wobei ich, um Missverständnissen vorzubeugen, betonen möchte, dass dies lediglich meine Erfahrung mit dem Thema ist und ich nicht für alle Autisten sprechen kann.

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