Schwerbehindertenausweis

Am Ende des Diagnosegesprächs in Dortmund riet mir der Arzt einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Puh! In dem Moment, kurz nach Diagnosestellung, denkst du über viele Sachen nach, aber nicht über einen Schwerbehindertenausweis.

Zuhause informierte ich mich in den folgenden Wochen über den Antrag und sah, dass man einen Hausarzt nennen muss. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen. Arztbesuche fallen mir vor allem aufgrund der Warte(zimmer)situation schwer. Kontaktaufnahme per Mail geht, wenngleich auch das mehrere Wochen/Monate Überwindung kosten kann. Nicht aus Angst. Angst habe ich keine vor Ärzten. Als meine Partnerin bei der Geburt unseres Sohnes plötzlich aus dem Kreißaal in Richtung OP geschoben wurde und die Rede von Not-Sektio war, blieb ich ziemlich gelassen. Ich vertraute den Leuten, schließlich haben sie auch kein Interesse daran, dass ihnen Patienten unter den Händen wegsterben. Um ehrlich zu sein kann ich den Grund gar nicht genau benennen, weshalb ich selbst für Mails Ewigkeiten brauche. Vermutlich hängt das mit meinem Krafthaushalt zusammen. Anrufen oder vorbeigehen sind keine Optionen. Außer an guten Tagen, spontan, da ich eh in der Nähe bin. Diese Tage sind aber rar. Es bleiben also nur die Mails. Blöderweise geben die meisten Praxen keine E-Mail-Adresse an. An der Barrierefreiheit muss hier noch gearbeitet werden. Dies gilt insbesondere für Autismus-Ambulanzen. Während ich meine Termine zur Diagnose in Dortmund barrierefrei vereinbaren konnte, war diese Option in anderen Kliniken nicht gegeben.

Auf der Suche nach einem Hausarzt schrieb ich somit die einzige gut erreichbare Praxis mit E-Mail-Adresse an. Ich bekam, trotz meiner Beschreibung der Situation, eine Absage. Man nehme aktuell niemanden mehr auf. Ohne Hilfe wäre ich in dem Moment aufgeschmissen gewesen. Glücklicherweise stand ich mit einem Psychologen in Kontakt. Das Ganze lief über eine Maßnahme des Amtes. Zunächst hätte ich zum Träger der Maßnahme gesollt. Auf Einzelgespräche sollte die Integration in eine Gruppe folgen. Aufgrund meiner Erfahrungen mit solchen Maßnahmen, war ich äußerst abgeneigt. Unter der Bedingung, zunächst 10 Einzeltermine an einem neutralen Ort in meinem Viertel zu machen, stimmte ich der Maßnahme zu. Alternativ bräuchte ich eh einen Hausarzt der mich krankschreibt. Ansonsten hätte es kein Geld mehr gegeben. Wir trafen uns fortan freitags an der Mindener Schachtschleuse unterhielten uns und beobachteten die Schiffe auf ihrem Weg zwischen Mittellandkanal und Weser.

Schachtschleuse Minden
Rechts: Die Mindener Schachtschleuse Links: Die neugebaute Weserschleuse

Der Psychologe war ein äußerst angenehmer Zeitgenosse. Die Gespräche, so sehr mich Termine stressen, halfen mir beim Verarbeiten der Diagnose (bis zur Diagnose fanden ca. drei Gespräche statt). War anfangs noch angedacht, mich im Laufe der Zeit in die Gruppe zu integrieren, so änderte die Diagnose dieses Vorhaben. Die Einzelgespräche verlängerten sich, bis sie im Sommer eingestellt wurden. Ich hätte mich gerne weiterhin mit dem Psychologen getroffen. Da wir dank eines kleinen Erbes aber für ein halbes Jahr aus dem Sozialgeldbezug fielen, war das nicht möglich. Kurz vor dem Ende klapperte der Mensch für mich noch einige Ärzte in der Nähe ab. Es war mein Wunsch. Er erzählte meine Geschichte und fragte, wer Zeit und Willen im Umgang mit einem Autisten hat. Zwei konkrete Termine machte er schon aus. Einen ließ ich ihn sofort absagen, da der andere Arzt in der gleichen Straße, gegenüber des Hauses meiner Großmutter liegt. Das ersparte mir das Wartezimmer. Man rief mich an, kurz bevor ich an der Reihe war (ich war der letzte Patient des Tages). Nach einem ausgiebigen Gespräch hatte ich einen Hausarzt, den ich im Antrag benennen konnte.

Kurz darauf stellte ich einen Antrag für einen Schwerbehindertenausweis. Bei den Merkzeichen kreuzte ich H für Hilflosigkeit und B für Begleitung an. In einem dreiseitigen Schreiben formulierte ich all meine Probleme und bat um die Überprüfung, ob ggf. diese Merkzeichen als Nachteilsausgleiche in Frage kommen, da ich auch nach Studium der Kriterien nicht wirklich sicher war und die Experten im Versorgungsamt wähnte. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte.

Bescheid
Im ersten Bescheid gestand mir das Versorgungsamt lediglich GdB 30 zu.

Nach einigen Wochen kam die Antwort. Das hiesige Versorgungsamt (Kreis Minden-Lübbecke) wollte mich mit einem GdB von 30 abspeisen. Kein Ausweis, keine Merkzeichen. Maximal Gleichstellung mit Schwerbehinderten auf dem Arbeitsmarkt (ohne den Zusatzurlaub und die begrenzten Überstunden). Aufgrund der Erfahrungen anderer Autisten (Gott schütze das Internet) und in dem Bewusstsein, dass meine Probleme in allen Lebensbereichen auftreten, legte ich kurz vor Ablauf der Frist Widerspruch ein – zunächst ohne Begründung. Mir fehlte die Kraft direkt nach Erhalt des Schreibens einen Widerspruch zu formulieren. Ich war mir auch nicht sicher, ob es überhaupt Sinn ergibt.

Auszug aus der Versorgungsmedizin-Verordnung: „Tief greifende Entwicklungsstörungen (insbesondere frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom)
Bei tief greifenden Entwicklungsstörungen


ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 10–20,

mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 30–40,

mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 50–70,

mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80–100.

Soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integrationsfähigkeit in Lebensbereiche (wie zum Beispiel Regel-Kindergarten, Regel-Schule, allgemeiner Arbeitsmarkt, öffentliches Leben, häusliches Leben) nicht ohne besondere Förderung oder Unterstützung (zum Beispiel durch Eingliederungshilfe) gegeben ist oder wenn die Betroffenen einer über das dem jeweiligen Alter entsprechende Maß hinausgehenden Beaufsichtigung bedürfen. Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche nicht ohne umfassende Unterstützung (zum Beispiel einen Integrationshelfer als Eingliederungshilfe) möglich ist. Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender Unterstützung nicht möglich ist.“

Diese Definition sehe ich äußerst kritisch. Die Integration in Lebensbereiche ist immer möglich. Das hat nur dummerweise nicht der Autist in der Hand. Autismus ist nicht heilbar, die Probleme begleiten mich ein ganzes Leben. Gesellschaftliche Akzeptanz ermöglicht mir Integration in jeden Lebensbereich. Integration ist aber kein Synonym für Anpassung.

Der Erhalt meines Schreibens wurde mir zeitnah bestätigt und um Begründung innerhalb eines weiteren Monats gebeten. Wieder verstrich ein Großteil der Zeit, da ich nicht genug Energie hatte. Das Versorgungsamt wollte eine Einschätzung haben, welchen GdB ich für angemessen halte. Mindestens GdB 50 und die Überprüfung der Merkzeichen (H und B). Erneut fügte ich ein selbstverfasstes Schreiben über mehrere Seiten an, in dem ich alle Probleme schilderte. In die Karten spielte mir dabei die von mir angeforderte Akteneinsicht. Das Amt zog eine Bewertung des sozial-psychiatrischen Dienstes für das Sozialamt von 2016, also vor der Diagnose, zur Beurteilung heran. Demnach bin ich sechs Stunden täglich in der Lage bestimmten Tätigkeiten nachzugehen. Nicht ausgeschlossen waren dabei ua. laute Umgebungen. Dies stand konträr zu den ärztlichen Aussagen im Diagnoseschreiben, welche ich im Auszug nochmal explizit erwähnte. Diesbezüglich wies ich auch auf den Fakt hin, dass die vom Facharzt beschriebene Umgebung im Alltag nicht gegeben ist. In keinem Lebensbereich.

Was bedeutet Autismus für mich?
„Die autistische Störung bedeutet eine deutliche Einschränkung in der sozialen und beruflichen Integration, wie an seiner Biografie ablesbar ist. Er braucht eine reizarme Umgebung, gut planbare, störungsfreie Abläufe, die er zudem lange eingeübt haben muss sowie eine eindeutige verbale Kommunikation. Wenn die Umgebung diese Strukturen nicht vorgibt, so ist er nicht in der Lage diese selbstständig herzustellen, braucht dazu umfassende Unterstützung.“

Nach einigen Monaten, ein knappes Jahr nach der Diagnose, kam dann ein Widerspruchsbehelf ins Haus geflattert. Der ursprüngliche Bescheid (GdB 30) wurde aufgehoben. Stattdessen gesteht man mir nun einen GdB in Höhe von 50 zu. Auch diesmal ohne Merkzeichen. Diese gäbe es nur ab einem GdB von 70 (B) bzw. einem GdB von 100 (H). Nach meinem aktuellen Wissensstand ist das Quatsch. Gefühlt ist auch ein GdB von 50 nicht angemessen. Sofern ich ihn akzeptiere, muss ich ein beigefügtes Schreiben signieren. Ansonsten geht der Fall an die Bezirksregierung Münster.

Der Ausweis kam jedenfalls bereits per Post und ist unbefristet. Auch das ist ein Grund, weshalb ich nicht sicher war, ob sich ein weiteres, für mich als Autist besonders anstrengendes, Vorgehen lohnt. Andererseits führte schon mein Laienwissen zu einem Abhilfebescheid. Dennoch entschied ich mich nun dafür, den GdB von 50 zu akzeptieren. Inwieweit mir das beruflich helfen wird, mag ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Es werden aber definitiv Hilfsangebote erschlossen.

Abhilfebescheid
Der Widerspruch war erfolgreich, der Grad der Behinderung wurde von 30 auf 50 erhöht.

3 Kommentare zu „Schwerbehindertenausweis

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